Manic Street Preachers – Journal For Plague Lovers 19. Mai 2009
Posted by paschendale in Musik.trackback

Selbstportrait?
Die Manics haben sich nach ihrem 2007er Album wieder zurückgemeldet. Ohne große Vorankündigung stand auf einmal Journal For Plague Lovers im Regal. Das Besondere: Sämtliche Lyrics stammen noch vom 1995 verschwundenen Gitarristen Richey James Edwards. Seit er keine Texte mehr beisteuert waren die Veröffentlichungen der Waliser melodiös betrachtet durchaus interessant, reichten textlich aber nie an die „alten“ Werke heran.
Beim Hören des neuen Albums fällt sofort auf, dass es in direkter Tradition zum letzten Manics-Album mit Edwards steht: The Holy Bible. Der dreckige Sound, teilweise verzerrte Stimmen und bei manchen Songs Filmausschnitte oder ähnliches als Einführungssequenz.
Die Deluxe-Edition kommt edel daher. Auf CD 2 befinden sich zwar lediglich die Demos zum Album, dafür ist das Booklet liebevoll gestaltet. Das Format ist das eines klassischen Journals, darin sind die Original-Texte von Edwards abgebildet. Beim Hören lässt sich dann feststellen, dass sich die restlichen drei nicht immer an die Vorgabe halten und teilweise nur Chorus oder Bridge übernommen haben. Neben den Texten finden sich noch Zeichnungen von Edwards. Alles in allem bietet es einen interessanten Einblick in die Seele des vermutlich Toten.
Textlich kommt das Album sehr sperrig daher. Das verraten schon die Namen der Songs wie Jackie Collins Existential Question Time, Virginia State Epileptic Colony oder She Bathed Herself in a Bath of Bleech. Der Opener Peeled Apples klingt als wäre The Holy Bible ein Jahr alt und Journal For Plague Lovers der Nachfolger. Abgehackte Strophe trifft Mitsing-Chorus, sofern einem der Text nicht zu schwer ist:
Riderless horses on Chomsky’s Camelot
Bruises on my hands from digging my nails out
A series of images against you and me
Trespass your torment if you are what you wanna be
Danach folgt mit dem schon eben genannten Jackie Collins Existential Time der erste Höhepunkt des Albums. Eine melodiöse Harmonics-Figur nimmt den Chorus vorweg, dann stellt die Lead-Gitarre ihre Riff vor und James Dean Bradfield darf sich den wichtigen Fragen des Lebens widmen (Tonight we beg the question if a married man fucks a catholic and his wife dies without knowing does that make him unfaithful? – Mummy, what’s a sex pistol?). Song drei – Me and Stephen Hawking – schlägt musikalisch wie textlich in die selbe Kerbe.
Dann gibts auch schon die erste Ballade. This Joke Sport, Severed kommt mit allen klassischen post-Edwards Merkmalen der Manics daher. Streicher, große Melodien und ein millionenfach wiederholter Chorus. Aber es ist gut. Der Titelsong nimmt wieder etwas mehr Tempo auf, kotzt sich aus und bleibt im Ohr. Danach ist bei She Bathed Herself… der Einfluss von Nirvana nicht von der Hand zu weisen.
Facing Page: Top Left nimmt das Tempo wieder raus, spielt mit Harfe und zeigt wie verzweifelt Edwards wohl gewesen ist. Mit Marlon J.D. kommen auf einmal Elektro-Drums ins Spiel. Sie klingen leicht deplaziert und ist insgesamt wohl auch der schwächste Song des Albums. Doors Closing Slowly zählt wieder zu den besseren Balladen der Manics.
Nun sind wir bei Höhepunkt Nummer zwei angelangt: All Is Vanity. Nette Drums paaren sich mit Gitarren-Arpeggien und nem Schuss Wut im Chorus. Pretension/Repulsion spielt wieder mit den leicht kryptischen Lyrics (Shards, chards, the androgyny fail. Odalisque, by ingres, extra bones for sale). Virgina State Epileptic Colony gehört nicht zu den starken Songs der Manics, bleibt ohne Stimmung.
Damit sind wir auch beim letzten Song und absoluten Highlight des Albums angelangt: William’s Last Words. Nicky Wire singt, das kann er wzar eigentlich nicht, führt aber zu einer der rührendsten Balladen der letzten Jahre.
Alles in allem ist Journal For Plague Lovers ein gelungenes Album und ein würdiges Tribut an den verschollenen Gitarristen und Texter Richey Edwards. Allerdings darf man im Jahr 2009 nach dem Wert eines solchen Albums für die aktuelle Musikszene fragen. Natürlich ist es das Erbe eines großen Künstlers, es hat aber heute nichts mehr zu sagen. Für Fans ein muss, für alle anderen ein nettes, kleines (39 Minuten langes) Album.


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